Titel Mobiler Dienst

Krank auf der Straße: Wie der Mobile Dienst in Münster hilft

Schlechte Witterung, mangelnde Hygiene oder ungesunde Ernährung: Das Leben auf der Straße führt zu besonderen gesundheitlichen Belastungen bei wohnungslosen Menschen. Das medizinische Regelsystem nutzen sie dennoch kaum. Deshalb gibt es in Münster den Mobilen Dienst im HdW.

Zum vereinbarten Gesprächstermin mit Sabine Pöppelmann und Anja Schmidt trifft erst einmal der Rettungsdienst im Haus der Wohnungslosenhilfe ein. Ein Bewohner braucht dringend eine Notversorgung. Sanitäter eilen in die zweite Etage, helfen und begleiten den Mann nach ein paar Minuten schließlich nach draußen. „So etwas kann schon mal passieren“, sagt Pöppelmann. „Aber das ist nicht der Alltag hier.“

Sabine Pöppelmann ist Internistin und gehört seit 2012 zum Team des Mobilen Dienstes in Münster – genauso wie Krankenschwester Anja Schmidt und Psychiater Dr. Stefan Lange. Der Mobile Dienst, der seit 2007 besteht und im Haus der Wohnungslosenhilfe (HdW) angedockt ist, kümmert sich um die medizinische Versorgung von Menschen, die wohnungslos oder in einer prekären Lebenslage sind. Er umfasst zwei Fachärzt*innen und eine Krankenschwester. Zudem wird das Angebot durch sozialarbeiterische Beratung ergänzt. Aktuell nehmen zwischen 120 bis 140 Menschen pro Quartal das Angebot des Mobilen Dienstes in Anspruch.

Wir haben mit Sabine Pöppelmann und Anja Schmidt, die aktuell das Gründungsmitglied Kordula Leusmann vertritt, über die Arbeit gesprochen.

draußen!: Die Temperaturen nähern sich dem Gefrierpunkt: Ist eine medizinische Versorgung von wohnungs- und obdachlosen Menschen aktuell dringender denn je?

Schmidt: Absolut. Zwar treten bei unserer Klientel auch im Sommer zusätzliche Probleme auf, zum Beispiel Dehydration oder Verbrennungen durch Sonneneinstrahlung. Aber der Winter ist da noch einmal eine andere Nummer. Wenn der Körper auskühlt, sind Menschen viel anfälliger für Erkältungskrankheiten. Dazu kommt die Feuchtigkeit. Die Schuhe sind nass, die Füße auch – und das vor dem Hintergrund, dass manche unserer Klienten bis zu 25 Kilometer am Tag zu Fuß und schwer bepackt zurücklegen. Ist die Kleidung witterungsbedingt komplett durchnässt, weicht die Haut auf. Und noch ein weiteres Problem kommt dazu…

Welches?

Schmidt: Die Maßnahmen, die infolge der Corona-Pandemie getroffen wurden, haben dazu geführt, dass Wohnungslose kaum noch Aufenthaltsmöglichkeiten zum Aufwärmen finden – nicht einmal mehr in Eingängen von Banken oder Kaufhäusern. Deswegen sind viele erschöpft und in einem schlechten Allgemeinzustand.

Pöppelmann: Wobei wir die Corona Pandemie als solche mit Blick auf unsere Klientel bislang erstaunlich gut überstanden haben. Natürlich gab es den Ausbruch im HdW im April 2020 mit mehr als 50 Erkrankten. Aber insgesamt waren es in der ganzen Zeit weit weniger Corona-Erkrankungen, als wir anfangs befürchtet hatten.

Schmidt: Tatsächlich habe ich sogar das Gefühl, dass diese Menschen aufgrund ihrer Lebensbedingungen möglicherweise ein besseres Abwehrsystem haben was Infektionskrankheiten betrifft. Zusätzlich könnte man sagen, dass sie vielleicht in gewisser Weise „zäher“ sind und viel mehr aushalten.

„Viele meiden einen Arztbesuch, weil sie glauben, dass sie bei gewissen Krankheiten einfach abwarten können.“

Anja Schmidt

Sind arme Menschen dennoch grundsätzlich stärker von Krankheit betroffen?

Schmidt: Ich denke schon, und dass hängt vor allem mit den schwierigen Lebensumständen zusammen. Nehmen wir mal das Thema Ernährung: Kaum jemand, der von Wohnungslosigkeit betroffen ist hat die finanziellen oder logistischen Möglichkeiten, sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Zudem meiden viele Klienten einen Arztbesuch, weil sie zunächst glauben, dass sie bei gewissen Erkrankungen einfach abwarten können. Das sehen wir besonders bei der verspäteten Versorgung von kleinen und größeren Wunden.

Pöppelmann: Schwierig wird es auch, wenn die Kosten für Medikamente von den Krankenkassen nicht übernommen werden. Und da sprechen wir eigentlich von fast allen Erkältungsmedikamenten. Auch Zuzahlungen beim Zahnarzt oder bei der Beschaffung einer neuen Brille. Das betrifft natürlich alle Bürger*innen mit geringen finanziellen Möglichkeiten, ob mit oder ohne Wohnung.

Sabine Pöppelmann (Foto: Oliver Brand)

Was sind denn die typischen Erkrankungen, die Ihnen begegnen?

Pöppelmann: Grundsätzlich begegnen uns aber in unserer Sprechstunde die üblichen Erkrankungen einer Hausarztpraxis und zusätzlich noch ein größerer Anteil Wundmanagement. Zum einen die klassischen Volkskrankheiten wie zum Beispiel Bluthochdruck oder Diabetes. Außerdem natürlich Erkältungen, infizierte Wunden, kleinere Verletzungen. Dazu kommen aber sehr oft noch Sucht- oder psychische Erkrankungen. Da sind wir sehr dankbar, dass Dr. Lange, der Oberarzt in der LWL Klinik ist, zu unserem Team gehört.

Trotzdem nehmen nicht alle medizinische Hilfe an …

Pöppelmann: Viele gehen nicht zum Arzt, weil sie dort früher einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben oder einfach Angst verspüren oder einfach die Schwelle für den Besuch einer regulären Arztpraxis zu hoch ist. Da kommen wir als mobiler Dienst als niedrigschwelliges Angebot ins Spiel. Hier wissen die Klienten, dass wir sie dort abholen, wo sie stehen und sie respektieren wie sie sind.

Wie schwierig ist es, diese Menschen davon zu überzeugen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Schmidt: Sobald sie bei uns sind, docken sie relativ schnell hier an, weil sie wissen, dass ihnen hier nichts passiert. Und gerade das macht die Arbeit hier aus: Dass einem die Leute nach kurzer Zeit Vertrauen schenken und wiederkommen.

Pöppelmann: Die Menschen spüren, dass wir sie gerne behandeln. Würden wir dagegen ständig damit anfangen, ihnen Vorträge beispielsweise über Alkohol- oder Drogenkonsum zu halten, wäre das kontraproduktiv. Daran scheitert die Kontaktaufnahme meiner Meinung nach auch oft im Regelsystem. Man muss ein gewisses Sendungsbewusstsein beiseitelegen, denn es geht in erster Linie um den kranken Menschen, dem wir helfen wollen. Wobei wir natürlich auch versuchen auf eine Verminderung des Konsums hinzuwirken und Entzugsbehandlungen in der LWL Klinik vermitteln. Und Menschen, die wegen ihrer Ängste nicht zu uns kommen, muss man auf anderem Wege überzeugen. Die muss man eben auch draußen ansprechen, über unsere Arbeit aufklären und von uns überzeugen, sodass sie im Ernstfall am Ende doch zu uns kommen.

„Klar ist: Bei uns wird niemand abgewiesen“

Sabine Pöppelmann

Auf welche Schwierigkeiten treffen Sie noch?

Schmidt: Was immer mal wieder vorkommt sind das Fehlen einer Krankenversicherung und das Abhandenkommen von Krankenkassenkarten und Papieren. Wir haben allerdings das Glück, dass sich die Kliniken und Praxen, mit denen wir in Münster zusammenarbeiten, sehr gut auf unsere Leute einstellen.

Pöppelmann: Das Netzwerk hilft uns sehr, wenn Untersuchungen oder Behandlungen anstehen, die wir selbst nicht leisten können. Gerade, wenn jemand nicht krankenversichert ist. In solchen Fällen wird zum Beispiel in unseren Partnerpraxen oft mit reduzierter Vergütung behandelt und unter anderem der Notfallfonds der Stadt Münster in Anspruch genommen. Wir sind sehr dankbar, dass viele Kollegen hier zum einfachen Satz oder manchmal auch umsonst behandeln.

Warum haben die Menschen keine Krankenversicherung?

Pöppelmann: Die meisten Nicht-Versicherten sind in der Regel EU-Bürgerinnen, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen und damit auch keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung haben. Sie werden in der Europabrücke und durch die GGUA betreut und beraten. Bei deutschen Staatsbürgerinnen ist das anders, nur nehmen leider nicht alle diesen Anspruch wahr. Umso wichtiger ist das Team der Sozialen Arbeit im HdW, das sich dieser Themen annimmt und gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen sucht und findet. Genauso, wenn Personen infolge von Schulden bei einer Krankenkasse keinen Versicherungsschutz mehr haben oder sich nach einer Haftentlassung erst einmal um eine neue Versicherung kümmern müssen. Das führt dann dazu, dass die Menschen zwar versichert sind, aber noch keine Versichertenkarte haben. Und ohne diese wird es in einer regulären Praxis oft schwierig. Aber klar ist: Bei uns wird niemand abgewiesen.

Und am Ende ist das Ziel die Patienten wieder in die Regelversorgung zu integrieren?

Pöppelmann: Ja. Wenn jemand krankenversichert ist, dann ist es die logische Konsequenz, diese Person in ein hausärztliches System zu integrieren. Allein aus dem Grund, um eine ausreichende ärztliche Versorgung zu gewährleisten. Ich als Internisten bin nur an einem Tag in der Woche vor Ort. Auch da braucht es manchmal mehrere Anläufe, um die Personen zu überzeugen, und natürlich gibt es Patient*innen, für die das so nicht funktioniert. Dann bleiben wir die Hausarztsprechstunde.

Anja Schmidt (Foto: Oliver Brand)

Woher kommen denn die Menschen, die sich beim Mobilen Dienst behandeln lassen?

Schmidt: Der Großteil ist im HdW, HuK, HkH oder in der Winternothilfe untergebracht. Die weiblichen Patientinnen kommen aus dem Getrudenhaus. Oder es sind Menschen, die auf der Straße leben und die über die aufsuchende Sozialarbeit bei uns landen.

Pöppelmann: Die Klienten erzählen sich natürlich auch untereinander von unserer Arbeit und stoßen so auf unser Angebot.

Wie sieht denn der erste Kontakt aus?

Schmidt: Wir begegnen den Menschen – wie gerade erwähnt – so wie sie sind und machen alles, was im Bereich unserer Möglichkeiten liegt. Und weil die meisten von ihnen das genauso wahrnehmen, ist es in der Regel kein Problem, gegenseitig Vertrauen aufzubauen. Will zum Beispiel jemand beim ersten Besuch seinen vollen Namen nicht nennen, dann ist das auch in Ordnung.

Pöppelmann: Ohnehin sind wir erst einmal eher akut-orientiert, wenn jemand in die Sprechstunde kommt. Das heißt, wir kümmern uns zunächst einmal um die Beschwerden, die ausschlaggebend sind für den Besuch bei uns. Das ist anders als beispielsweise beim Hausarzt, wo beim Erstbesuch zusätzlich viele andere Dinge direkt abgefragt werden. Unser Vorteil ist es, dass wir nicht mit Krankenkassen abrechnen müssen, und so viel Bürokratie vermeiden können.

„Das Thema Zuzahlungen bringt sehr viele an ihre Grenzen.“

Sabine Pöppelmann

Hohe Zuzahlungen für Medikamente, Eigenbeteiligung bei Zahnbehandlungen oder auch die Selbstfinanzierung zum Beispiel bei Brillen – bereiten gerade diese Dinge vielen ihrer Patienten Probleme?

Pöppelmann: Zuzahlungen können sich tatsächlich viele nicht leisten. Das betrifft allerdings nicht nur unsere Klientel, sondern das betrifft alle Menschen, die finanziell keinerlei Spielräume haben. Diese Thematik bringt sehr viele an ihre Grenzen und führt eben dazu, dass Menschen zu uns kommen, die zwar versichert sind, aber die Zuzahlungen zu ihren Medikamenten nicht bewerkstelligen können. Auch da versuchen wir zu helfen.

Was können Sie tun?

Pöppelmann: Wir helfen zum Beispiel, indem wir Zuzahlungen vorstrecken bis zum Anfang des darauffolgenden Monats, wenn die Menschen wieder Geld bekommen. Teilweise übernehmen wir in Einzelfällen die Zuzahlungen oder versorgen mit Medikamenten aus unserem Spendenbestand.

Schmidt: Wenn eine Behandlung, gerade bei schwerwiegenden Erkrankungen, dringend notwendig ist, ist es logisch, dass wir einspringen.

Pöppelmann: Grundsätzlich machen sich viele in unserer Gesellschaft heute kaum Gedanken darüber, dass selbst fünf Euro Zuzahlung bei einem Medikament für manche Menschen eine ganze Menge Geld sind. Vielen ist das gar nicht bewusst. Natürlich kommt es auch vor, dass unsere Klienten hier ihr Geld teilweise für andere Dinge ausgeben – aber andererseits ist es nun mal so, dass jede Form von Sucht eben auch eine Erkrankung ist.

Seit Anfang 2020 macht die Corona-Pandemie allen schwer zu schaffen. Wie haben sich die entsprechenden Maßnahmen auf ihre Klientel ausgewirkt?

Schmidt: Am Anfang war es für einige wohnungslose Menschen schwer zu begreifen, was da überhaupt gefordert wird. Masken tragen, Abstand halten. Ich denke, dass viele dieser Auflagen an unserer Klientel total vorbeigehen. Wenn ich zum Beispiel eine Ausgangssperre ab acht Uhr nehme … Ein Großteil unserer Klientel ist oft nachts unterwegs. Oder ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit. Das bekommt man gar nicht in die Köpfe dieser Menschen, weil so etwas bei Suchterkrankungen kaum umsetzbar ist.

Pöppelmann: Hinsichtlich unserer Arbeit waren die Einschnitte gar nicht so gravierend, zumal die Sprechstunde des Mobilen Dienstes durchgehend weiterlief. Krankheiten machen ja keine Pause. Nur während des Corona-Ausbruchs hier im HdW mussten wir das externe Angebot herunterfahren. Da ging es in erster Linie um die Versorgung der Menschen im Haus. Ansonsten hat es im ersten Jahr der Pandemie dazu geführt, dass die Sprechstunde etwas weniger wahrgenommen wurde. Vielleicht auch, weil viele wohl dachten, die Sprechstunde würde ausfallen. Gleichzeitig waren viele der EU-Bürger*innen in ihrer Heimat.

Von Oliver Brand


DER MOBILE DIENST

  • Der Mobile Dienst besteht aus einer Krankenschwester und zwei Fachärzten sowie sozialarbeiterischer Beratung und ist im HdW angesiedelt. Das Angebot richtet sich an wohnungslose Menschen, die gesundheitlich behandlungsbedürftig sind und nicht anderweitig medizinisch und pflegerisch versorgt werden. Träger sind die Stadt Münster, die Kassenärztliche Vereinigung, das Land NRW sowie die Bischof-Hermann-Stiftung.
  • Der Mobile Dienst hat die Aufgabe, wohnungslose Menschen dort aufzusuchen, wo sie sich aufhalten, Kontakt herzustellen und eine medizinische Erstversorgung zu leisten. Die aufsuchende Arbeit des Mobilen Dienstes wird ergänzt durch ein sozialarbeiterisches Beratungsangebot.
  • Das Hilfsangebot greift auch bei fehlendem Krankenversicherungsschutz.

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