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Kein Platz für Angst: Bruder Moritz in der Ukraine

Rund 1.500 Kilometer Strecke und 20 Stunden Fahrt: Mitte März machen sich die beiden Kapuzinerbrüder Jeremias Borgards und Moritz Huber aus Münster auf den Weg in die Ukraine. Zwei Wochen lang bleiben sie vor Ort, um die Menschen dort mit dem Nötigsten zu versorgen und ihnen Zuspruch zu geben. Ein Erlebnisbericht.

Ein schlichter Besprechungsraum im Erdgeschoss des Kapuzinerklosters in Münster. Auf dem Tisch stehen Gläser und eine Flasche Wasser. Von draußen hört man ein paar Vögel, und durch das große Fenster fallen warme Sonnenstrahlen in das Zimmer. Ein Ort der Stille, weitab von Zerstörung, Wut und Angst. Die Stille, sagt Bruder Moritz, sei ihm wichtig. „Das brauche ich, um ganz bei mir selbst zu sein. In der Ukraine war kaum Raum für so etwas.“

Der Krieg ist fast 1.500 Kilometer entfernt, als Moritz Huber, ein Kapuzinerbruder aus Münster, im April von seinen Erlebnissen in der Krisenregion berichtet. Zwei Wochen war er vor Ort, hat ihn Lwiw, einer 720.000-Einwohner*innen-Stadt im Westen der Ukraine, Spenden ausgegeben und den Krieg hautnah miterlebt. Die Eindrücke, sagt er heute, „werden für immer in meinem Kopf bleiben. Diese Erfahrung ist ein Teil von mir, sie ist existenziell.“

Zeit sinnvoll nutzen

Bruder Moritz, 26 und gelernter Bierbrauer, trägt eine braune Tunika mit Kapuze, eine um die Taille gebundene Kordel und Sandalen, als er von seiner Reise in die Ukraine erzählt. Anfang des Jahres brachte ihn sein Theologie-Studium nach Münster und dort ins Kapuzinerkloster. Weil das Semester erst Anfang April begann und der gebürtige Bayer aus Neuburg an der Donau noch ein paar Wochen frei hatte, wollte er die Zeit „sinnvoll nutzen, um die Menschen, die unter dem Krieg in der Ukraine leiden müssen, zu unterstützen“.

Wie aber kann man Menschen helfen, die unter einem Krieg leiden, der rund 1.500 Kilometer entfernt stattfindet? Der Zufall bringt Bruder Moritz an einem Samstag Ende Februar an den Mittagstisch von Bruder Jeremias Borgards. Der Krieg wütet bereits seit ein paar Tagen, beide kommen ins Gespräch und schnell ist klar: Auch der 53-jährige Kapuzinerbruder will ein Zeichen setzen gegen den Krieg.

Bruder Moritz (Foto: Oliver Brand)

Bruder Jeremias habe zunächst vorgeschlagen, sich zu Fuß in Richtung Moskau aufzumachen, „um der Ohnmacht und Betroffenheit der Menschen Ausdruck zu verleihen und den Frieden dorthin zu bringen, wo er so grausam geraubt wurde“, erinnert sich Bruder Moritz. Er habe darin zwar ein „schönes Zeichen“ gesehen, wollte aber lieber dort helfen, wo es am nötigsten ist: in der Ukraine.

„Wir haben uns dann noch einmal ausgetauscht und beschlossen, einen Hilfstransport zu organisieren“, sagt der 26-Jährige. In Gottesdiensten rufen die Kapuzinerbrüder zu Spenden auf, verteilen Handzettel und plötzlich schwappt die Welle der Hilfsbereitschaft in Münster über.

Spenden füllen 40-Tonner

Sie erhalten unter anderem Großspenden der Alexianer und von „Action medeor“, dem nach eigenen Angaben größte Medikamenten-Hilfswerk Europas. Der Bulli, mit dem die beiden Brüder eigentlich in Richtung Ukraine fahren wollen, reicht da schon längst nicht mehr aus. In kurzer Zeit wird aus dem Kleintransporter ein 40-Tonner einer ukrainischen Spedition. „Das war überwältigend und gleichzeitig von der Logistik her sehr aufwendig“, sagt Bruder Moritz. „Aber wir haben es dank der Hilfe vieler Menschen am Ende gut geschafft.“

Die Spendenbereitschaft war riesig. (Foto: Moritz Huber)

Am 10. März, einem Donnerstag, machen sich Bruder Jeremias und Bruder Moritz schließlich auf den Weg nach Lwiw. Vollgepackt mit Wundversorgungsmaterialien und weiteren medizinischen Hilfsgütern. Dazu kommen Lebensmittel, Schlafsäcke, Notfallrucksäcken für Sanitäter und Ärzte sowie 17 schusssichere Westen für das Sanitätspersonal in der Ukraine. Die Atmosphäre auf der Fahrt habe er als entspannt empfunden, sagt Bruder Moritz. Die beiden Kapuzinerbrüder führen viele Gespräche. Unter anderem darüber, mit welchen Gefühlen sie in die Krisenregion reisen.


Angst verspüren beide nicht. „Wir haben uns viel darüber unterhalten“, sagt Bruder Moritz. Was ihm die Angst genommen habe, sei vor allem die Solidarität zu den Betroffenen gewesen. „Den Menschen vor Ort geht es ja nicht anders. Die können dort nicht einfach weg. Dazu kam, dass die Situation in der Westukraine zu diesem Zeitpunkt noch weniger dramatisch war wie im Osten.“

Ein Gefühl der Fremde

Doch je näher sie der ukrainischen Grenze kommen, desto mehr macht sich ein Gefühl der Fremde breit. „Die Landschaft in Polen nahe der Ukraine war flach, alles war ewig weit und karg. So fremd wir dort habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt“, sagt Bruder Moritz. Auch auf den Autobahnen ist kaum jemand unterwegs, und als sie schließlich die Grenze überqueren, ruft ihnen die letzte Grenzsoldatin noch ein kurzes „Good Luck“ hinterher. Good Luck! Viel Glück!

Kilometer für Kilometer wird der Krieg sichtbarer. Vor Ortseinfahrten stehen Straßenstellungen aus Beton, Sandsäcken und Panzerblockaden. Wer hier reinfahren möchte, wird angehalten und nach seinen Motiven für die Reise gefragt. „Das waren Soldaten mit Gewehr im Anschlag“, sagt Bruder Moritz. „Da merkt man schon, wo man ist.“ Doch Zwischenfälle gibt es keine und nach rund 20 Stunden Fahrt erreichen sie Lwiw wie geplant am 12. März.

Die Präsenz des Krieges

Im Priesterseminar „Heilig Geist“ nimmt man die beiden Gäste freundlich auf. Manche hier sprechen Deutsch, andere zumindest Englisch. „Ansonsten haben wir uns nonverbal verständigt“, sagt Bruder Moritz und lacht. „Helfen kann man auf jede Weise.“

Auf einem Platz zwischen Hauptbahnhof und Busbahnhof verteilen sie fortan und jeden Tag etwas Suppe, heißen Tee, belegte Brote und Müsliriegel. Die meisten Menschen, die hier vorbeikommen, wollen weiter Richtung Westen. Weiter in Richtung Sicherheit. Viele stammen aus den Krisenregionen des Landes, haben bereits stundenlange Fahrten auf sich genommen und steigen wenig später in die Busse, um ihre Heimat zu verlassen.

Die Lage im Land ist zu diesem Zeitpunkt unverändert kritisch. In Kiew haben russische Streitkräfte laut des ukrainischen Generalstabs ihre Operation zur Einkesselung der Hauptstadt fortgesetzt. Bereits die Hälfte der Bevölkerung sei bereits aus der Millionen-Stadt geflohen. Es wird von ständigen Angriffen auf die Hafenstadt Mariupol berichtet. Städte wie Charkiw, Mykolajiw oder Tschernihiw stehen unter Beschuss. Und es wird von Luftangriffen auch auf Ziele in der Westukraine berichtet.

Kein Schreien, kein Hass

Wenn man Bruder Moritz fragt, was ihn bei seinem Besuch in Lwiw am meisten überrascht hat, sagt er, die Ruhe der Menschen. Niemand sei hysterisch gewesen. „Es gab kein Schreien, keinen Hass. Und so gut wie niemand hat gegen Russen gehetzt. Das hatte ich nicht erwartet.“ Auf Bildern und Videos, die der 26-Jährige mitgebracht hat, sieht man, wie die Menschen reden, lachen und manchmal sogar tanzen. „An diesem Ort“, sagt er, „war so viel Menschlichkeit – egal ob Trauer oder Freude –, dass der Krieg dahinter fast verschwunden ist. Und wenn es doch einmal Tränen gab, dann hat man sich umarmt.“

Erst als die Dunkelheit hereinbricht und die Nacht beginnt, kehrt auch der Krieg stärker ins Bewusstsein. Sirenen heulen. Es gibt Raketeneinschläge in der Stadt. Zwei in unmittelbarer Nähe. Einmal vernimmt Bruder Moritz das surrende Geräusch einer Rakete, die über das Priesterseminar fliegt. „In solchen Momenten ist der Krieg viel präsenter“, sagt der 26-Jährige. „Man wacht nachts auf und denkt, das ist doch alles nicht wahr.“

Ob er Angst hatte in diesen Momenten, wenn es mit den anderen runter in den Luftschutzbunker ging? „Da war überhaupt kein Platz für Angst“, sagt Bruder Moritz. „Weil sich das alles komplett surreal angefühlt hat. Man hat das gar nicht realisiert. Und ich bin jemand, der die Bedrohung erst realisieren muss, ehe ich Angst bekomme.“

Wenn der Krieg zum Alltag wird

Nur an drei Tagen, in denen die beiden Münsteraner in Lwiw sind, bleibt der Alarm aus. Doch selbst das scheint den Menschen dort kaum etwas auszumachen. Bruder Moritz sagt, „wenn einem diese Erlebnisse jeden Tag widerfahren, dann wird das Geschehene irgendwann zur Routine. Dann wird es für die Menschen, die hier sind, zum Alltag.“

Ukraine-Hilfe: Interview zur Situation vor Ort mit Br. Jeremias – Deutsche Kapuzinerprovinz

Wie es den Menschen gelingt, auf diese Weise mit einer solch unvorstellbaren Krise umzugehen? Bruder Moritz denkt einen Moment nach. „Je länger die Situation anhält“, sagt er dann, „desto wichtiger ist es, dass alltägliche Dinge wieder zum Alltag gehören. Denn wenn der Krieg die einzige Realität ist und der einzige Alltag, dann ist die Hoffnung auf ein Zurück irgendwann erloschen. Und wenn die Hoffnung nur noch aus dem Gedanken besteht, den Krieg zu gewinnen, dann gibt es nur noch Hass.“

Immer mehr Schutzsuchende

März 2022. Die Situation in der Ukraine wird von Tag zu Tag angespannter. Fast zwei Millionen Menschen hätten sich mittlerweile über die polnische Grenze in Sicherheit gebracht, meldet der dortige Grenzschutz. Auch Bruder Moritz und Bruder Jeremias berichten von „unglaublichen Massen an Menschen, die hier ankommen. Es werden immer mehr. Alle wollen nur noch weg“, schreibt Bruder Jeremias auf der Homepage der Kapuziner. „Und sie erzählen uns wirklich schreckliche Geschichten, zeigen uns Fotos und Videos von furchtbaren Gräueltaten, berichten von Hinrichtungen unschuldiger Zivilisten.“

Noch aus der 720.000-Einwohner*innen-Stadt heraus versuchen die beiden Kapuzinerbrüder, einen neuen Hilfstransport mit dringend benötigten medizinischen Gütern zusammenzustellen und weitere Notfallrucksäcke für Ärzte und Ärztinnen zu organisieren. Sie verteilen weiter Lebensmittel, spenden weiter Trost. Zwischendurch ertönt immer wieder der Alarm.

Rückkehr nach Deutschland

Am 24. März machen sich Bruder Moritz und Bruder Jeremias schließlich auf den Weg zurück nach Deutschland. „Wir sind als Fremde nach Lwiw gefahren und haben nun Freunde zurückgelassen“, sagt Bruder Moritz. Drei Frauen und vier Kinder begleiten sie auf ihrem Weg, um hierzulande Schutz zu finden.

In den folgenden Wochen organisieren sie weitere Hilfstransporte, es gibt neue Ideen und Konzepte. Bruder Jeremias ist dabei immer wieder in der Ukraine. Ende April beschreibt er die Stimmung in einem Live-Ticker der Kapuzinerbrüder als „mehr als angespannt, bedrückt, ängstlich“. Anders also als noch ein paar Wochen zuvor. Der Krieg zerrt an den Menschen.

Ein Priester habe ihm beim ersten Besuch mal gesagt, er hätte nur Angst vor zwei Dingen, sagt Bruder Moritz: „Vor Hass. Und dass sein Volk Verzweiflung überkommt. Wir haben beides damals nicht erlebt, aber uns war damals schon bewusst, wie schnell das kippen kann.“ Solange es noch möglich ist, solange es noch geht, wollen die beiden Kapuzinerbrüder deshalb helfen. Und sei es aus 1.500 Kilometern Entfernung.

Von Oliver Brand

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