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Der gespaltene Stadtteil – im Einsatz für Coerder Kinder

Nirgendwo in Münster ist die Kinderarmut so groß wie in Coerde. Die Initiative ChaCK hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen zu unterstützen und ihnen zu helfen. Was in Coerde schiefläuft und was sich in Zukunft ändern muss, hat uns ChaCK-Gründer Jochen Schweitzer erzählt.

Die Zahlen sind alarmierend: Mehr als 40 Prozent der Kinder im Münsteraner Stadtteil Coerde leben nach Daten der Stadt Münster aktuell von Hartz IV. Ein unhaltbarer Zustand, meint Bildungsexperte Jochen Schweitzer, 79. Seit 2018 setzt er sich mit der Initiative ChaCK (Chancen für Coerder Kinder) vor allem für eine bessere gesundheitliche und soziale Versorgung der Kinder in Coerde ein. Wir haben mit dem Gründer der Initiative über den Stadtteil, die vorhandenen Probleme und mögliche Lösungsansätze gesprochen.

Wie lebenswert ist es in Coerde?
Als ich vor einigen Jahren selbst hierhergezogen bin (nachdem ich über 30 Jahre bis 1984 hier gelebt habe), war ich überrascht, wie schön der Stadtteil ist. Coerde liegt ja zwischen zwei Wasserläufen – der idyllischen Aa mit ihren Aa-Wiesen und dem Kanal – und im Norden sind die einmalig schönen Rieselfelder, im Süden der „Große Busch“ sowie landwirtschaftliche Felder und Wiesen bis zum Rumphorstviertel. Kurzum: Es ist wunderbar grün hier, auch innerhalb des Stadtteils. Auf der anderen Seite sind allerdings Teile von Coerde so geplant, dass Straßen immer wieder in Sackgassen enden, was übertragen auf die Lebensverhältnisse hier ganz gut passt.

Können Sie verstehen, warum Coerde – ähnlich wie Kinderhaus oder Berg Fidel – einen so schlechten Ruf hat und dabei des Öfteren die Bezeichnung Brennpunkt fällt?
Wer maßt sich überhaupt ein solches Urteil über Coerde an? Das ist eine Missachtung durch Menschen, die den Stadtteil gar nicht wirklich kennen. Dieser Hochmut ist völlig unangebracht. Man darf die sozial schwächer gestellten Menschen nicht dafür verantwortlich machen, dass sie in Coerde leben. Dem Großteil werden die Sozialwohnungen eben zugewiesen, sodass sie mehr oder weniger dazu gezwungen sind, hier zu wohnen.

Der Stadtteil Coerde genießt einen schlechten Ruf in Münster. (Foto: Oliver Brand)

Es leben ja nicht nur sozial Schwächere in dem Stadtteil …
Aber der schlechte Ruf und die Vorurteile den schlechter gestellten Menschen gegenüber fallen auf alle zurück, die in Coerde leben. Deshalb ist es wichtig, auch die besser Verdienenden in den Fokus zu rücken. Diese Menschen fühlen sich ebenfalls nicht wohl, wenn ihr Zuhause mit einem so negativen Ruf behaftet ist.

Wie sehen Sie das Zusammenleben dieser beiden Gruppen?
Die eine Hälfte von Coerde lebt in sozial schwachen Verhältnissen, also in Armut. Die andere Hälfte ist dagegen gut situiert oder gilt sogar als wohlhabend bis reich. Dieser Stadtteil ist also gewissermaßen gespalten, was letztlich auch einer Frage der Stadtentwicklung und Stadtplanung ist. Mittlerweile wird versucht, das nach und nach etwas zu korrigieren. Bisher allerdings mit sehr mäßigem Erfolg.

Lässt sich diese Spaltung überwinden?
Aus unserer Sicht funktioniert das nur über die Verbesserung der sozialen Verhältnisse und des Bildungsangebotes. Coerde ist der Stadtteil mit dem schwächsten Bildungsangebot in ganz Münster. Die einzige weiterführende Schule ist eine Hauptschule – die am wenigsten nachgefragte Schulform in Münster und auch landesweit. Sie wird nur noch von weniger als fünf Prozent der Eltern gewünscht. Und der schlechte Ruf kommt eben auch daher, dass besser gestellte Familien ihre Kinder auf Schulen und in Kitas in andere Stadtteile schicken, damit diese gar nicht erst mit sozial schwächeren Kindern in Coerde in ständigen Kontakt kommen. Das ist aus meiner Sicht ein Skandal. So etwas darf es in einer Stadt wie Münster eigentlich nicht geben.

Dabei gilt gerade Bildung als eines der wichtigsten Instrumente gegen Kinderarmut.
Absolut. Das ist ja auch eines der großen Themen unserer Initiative – Kinderarmut ist vor allem Bildungsarmut! Wir haben uns nicht gegründet, um Almosen zu verteilen. Unser Ansatz ist es, Kindern von früh an gute Bildungs- und Lebensentwicklungschancen zu ermöglichen. Denn genau dort liegt der Ursprung der Misere. Diese Kinder haben das gleiche Recht auf ein gutes Leben wie alle anderen auch. Nur wird ihnen dies von dieser Gesellschaft, von dieser Stadt verwehrt, weil die Bildungsangebote nicht annähernd so gut sind wie in anderen Stadtteilen.


DIE INITIATIVE ChaCK
Die gemeinnützige Initiative ChaCK engagiert sich seit 2018 intensiv gegen Kinderarmut in Coerde. Durch Projekte in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen sowie eigene, durch Spenden finanzierte Projekte sollen Kinder in Coerde gefördert werden – in ihrem Selbstbewusstsein, in ihrer Persönlichkeit, in ihren sprachlichen, sozialen und ihren kreativen Kompetenzen.
Unterstützung leistet ChaCK unter anderem durch Vorlesen und Gespräche, Hilfen bei Hausaufgaben, Ausflüge in den Zoo, ins Theater oder in die Natur, Bewegungs- und Sportangebote, Patenschaften oder finanzielle Hilfen im Notffall.
Wer sich bei ChaCK engagieren möchte, kann sich bei den Gründern melden:
Jochen Schweitzer, Tel. 13326732; E-Mail: schweitzerjochen@t-online.de
Dietrich Scholle, Tel. 39653451; E-Mail: dietrich@scholle-online.com


Was bemängeln Sie konkret?
Im Vergleich zu anderen Stadtteilen sind wir im Bereich Kita-Einrichtungen in Coerde am schlechtesten aufgestellt. Dabei sind die ersten tausend Tage – das ist wissenschaftlich belegt – entscheidend für die Entwicklung eines Kindes. Und das ist ein großes Problem: Wenn es da keine vernünftigen Angebote gibt für die Kinder aus einem prekären Umfeld, führt es in der Folge dazu, dass diese Kinder bereits mit einem Rückstand von etwa zwei Jahren in die Grundschule kommen.

Woran machen Sie das fest?
Es gibt zum Beispiel regelmäßige U1- bis U6-Untersuchungen des Gesundheitsamtes, bei denen der Entwicklungsstand der Kinder überprüft wird. Dort zeigt sich, dass diese Kinder gegenüber denen aus wohlhabenderen Familien immer weiter zurückfallen. Dazu kommt das Problem der mangelhaften Ausstattung mit Kitas. Es kann doch nicht sein, dass in wohlhabenderen Stadtteilen zum Teil mehr als doppelt so viele Kitaplätze angeboten werden – zum Teil bis 100 Prozent –, während in Coerde die Versorgungsquote mit Kitas gerade mal etwas bei mehr als ein Drittel liegt. Da muss sich die Stadtgesellschaft mal vergegenwärtigen, wie Coerde benachteiligt wird. Und zwar nicht erst seit heute, sondern seit fünfzehn, zwanzig Jahren. In Hiltrup werden zum Beispiel jetzt zwei neue Kitas geplant; in Coerde gibt es angeblich kein Baugrundstück. Was ist das für eine Planung?

Und dennoch gibt es hier kaum oder nur wenige Menschen, die sich dagegen wehren …
Die Menschen, die hier benachteiligt werden, protestieren nicht, sie haben keine „politische Stimme“. Das ist ein großes Problem. Gleichzeitig sind sie vergleichsweise isoliert. Grundsätzlich fehlt es an konkreten Aktionen oder Organisationsformen, mit deren Hilfe sich die Eltern oder Kinder wehren könnten gegen das, was hier passiert.

Aber hätten nicht wenigstens die gut situierten Eltern die Möglichkeit, sich mehr Gehör zu verschaffen und auf die Situation hinzuweisen?
Da sind wir wieder beim Thema Spaltung. Es gibt hier eine Distanz zu den Menschen, die sozial schwächer gestellt sind. Viele sind froh, dass sie nicht dazu gehören – mit der Folge, dass die Problematik keine Beachtung findet, keine Stimme hat, teilweise sogar komplett verschwiegen wird. Viele wollen diese große Armut, die hier herrscht, nicht wahrhaben. Und solange das so ist, wird sich daran auch nichts ändern. Wer ergreift Partei für diese Menschen?

Jochen Schweitzer (Foto: Oliver Brand)

Wie lässt sich denn etwas bewirken?
Der Anstoß muss meiner Meinung nach aus der Politik, aber auch der Zivilgesellschaft kommen. Wir brauchen eine viele stärke Solidarisierung mit den benachteiligten Gruppen. Es gibt dazu eine interessante Untersuchung von Professor Sebastian Kurtenbach von der Fachhochschule Münster über Nachbarschaft mit dem Ergebnis, dass in Coerde ein nur sehr schwach ausgeprägtes Nachbarschaftsverhältnis im Vergleich zu anderen Standorten herrscht. Ein sozialer Kontakt zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen ist praktisch kaum vorhanden.

Vermissen Sie dahingehend Unterstützung seitens der Stadt oder der Politik?
Ja, unbedingt und dringend! Es braucht weitere ganzheitliche Konzepte und eine Strategie, an der alle mitwirken und nicht unabhängig voneinander ihre eigenen Sachen machen. Wir sprechen uns für eine ständige Projektgruppe aus, die sich des gesamten Themas annimmt und sich darum kümmert, wie man den Stadtteil aufwerten und vor allem den Kindern bessere Bildungs- und Lebensentwicklungschancen ermöglichen kann. Natürlich gibt es einen Austausch zwischen den Beschäftigten, aber es gibt eben kein umfassendes Strategiekonzept, das sowohl durch die Zivilgesellschaft, die Politik als auch die professionellen Beschäftigen und die Verwaltung getragen wird.

Es gibt allerdings ein Stadtteilentwicklungskonzept …
Natürlich, und das ist auch gut so, auch wenn so Manches fehlt und vieles eher unkritisch ist. Aber dieses steckt leider seit Jahren in den Kinderschuhen fest und es passiert kaum etwas. Wann und von wem es realisiert wird, ist nach wie vor offen und auch nicht öffentlich. Genau wie die Frage, wie man die Menschen in Coerde darüber hinaus unterstützen kann. Bereits durch unsere kleine Initiative ChaCK stellen wir fest, dass weitere Unterstützungsangebote gefragt sind. Und wir sehen, wie dankbar die Eltern dafür sind und wie fröhlich die Kinder mitmachen. Aber es ist für „Ehrenamtliche“ auch sehr zeitaufwendig und anstrengend.

„Das alles sind natürlich nur Tropfen auf den heißen Stein. Wir brauchen mehr Tropfen und zwar viel mehr.“

Jochen Schweitzer

Haben Sie sich manchmal gefragt, wie sinnvoll das Ganze ist, wenn sich daneben nichts und nur wenig verändert?
Ganz ehrlich: Wir standen zeitweise auch schon davor aufzugeben. Zumal eine solche Unterstützung eigentlich professionell organisiert und begleitet werden sollte. Aber wenn man dann sieht, wie die Kinder zu unseren Mal-, Theater- oder Clownerie-Kursen kommen und eine Woche später zeigen, was sie gelernt haben, mit welchem Selbstbewusstsein und welcher Freude, dann weiß man, wofür man das macht. Aber das alles sind natürlich nur Tropfen auf den heißen Stein. Wir brauchen mehr Tropfen und zwar viel mehr.

Der Anteil der Menschen in Coerde, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, also Hartz IV beziehen, beträgt 23 Prozent, beim Thema Kinderarmut, also bei den unter 15-Jährigen, zeigt die Statistik sogar 43 Prozent. Also fast bei jedem zweiten Kind – das ist dramatisch.
Wenn auf Bundesebene über Kinderarmut gesprochen wird, gelten solche Zahlen als Skandal! Wenn Sie das hier über Coerde sagen, will das niemand hören. Einen solchen Skandal in der reichen Stadt Münster – das sollte es nicht geben, denn es beschädigt den Ruf. Am Ende ist es schließlich ein Makel von ganz Münster und nicht nur von Coerde. Die Auszeichnung „kinderfreundliche Kommune“ besitzt Münster (noch) nicht. An dem Programm nimmt Münster nicht teil.

Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat im Auftrag Ihrer Initiative im September 2019 ein Gutachten mit dem Titel „Schule in Coerde: Status quo und Perspektiven“ vorgelegt. Er empfiehlt der Stadt unter anderem, sich als Schulträger beim Schulministerium um die Errichtung einer Primus-Schule zu bemühen. Wäre eine solche Primus-Schule, wie es sie beispielsweise in Berg Fidel gibt, ein gutes Modell für Coerde?
Auf jeden Fall braucht Coerde, der gesamte Norden von Münster, ein integriertes Schulangebot. Es kann nicht sein, dass sich andere Stadtteile, selbst Kinderhaus, mit einem Gymnasium rühmen und hier gibt es nichts Vergleichbares. Solange sich dieser Zustand nicht verändert, bleiben die Kinder hier benachteiligt. Dreimal so viele Eltern wünschen in Münster einen Gesamtschulplatz für ihr Kind als vorhanden. Was ist das für eine Planung! Und es führt noch zu einem anderen Problem…

Zu welchem?
Wenn die meisten Kinder nach der Grundschule in andere Stadtteile „auswandern“, auf andere Schulen, kommen diese später als Jugendliche in Coerde nicht mehr vor. Denn sie bleiben weg. Und diejenigen, die noch hier sind, hängen auf der Straße fest, weil es keine passenden Angebote für sie gibt. Nachmittags gibt es noch teilweise Angebote, aber abends ist hier nichts, wo die Jugendlichen hingehen könnten. Das hat gravierende Folgen für das soziale und kulturelle Leben in diesem Stadtteil, vor allem auch für die Arbeit von Vereinen.

Die Versorgungsquote bei Kitas ist in Coerde nicht ausreichend. (Foto: Oliver Brand)

Wirkt sich das Fehlen von derartigen Angeboten wie beispielsweise einem Jugendhaus negativ auf Jugendliche aus?
Ich denke schon. Viele fühlen sich nicht oder zumindest nur bedingt integriert in die Gesellschaft. Die Folge ist, dass es zu einer verstärkten Isolation innerhalb der Altersgruppe kommt. Gleichzeitig fühlen sich die Jugendlichen im Vergleich zu denjenigen, die beispielsweise zum Gymnasium gehen, nicht gleichwertig respektiert und benachteiligt. Eine Primus-Schule, um darauf noch einmal zurückzukommen, wäre da aus meiner Sicht ein gutes integriertes Angebot. Genauso wie eine Gesamtschule, die ein Miteinander fördert und die Gesellschaft eben nicht spaltet. Daher ist es umso wichtiger, dass Münster einen Schulentwicklungsplan aufstellt, der die Kinder nicht schon ab der 5. Klasse trennt, sondern gemeinsam weiter lernen lässt, wie das auch überall auf der Welt der Fall ist. Das prägt das Bewusstsein!

Die Wahrscheinlichkeit, arm zu bleiben, ist laut des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung seit Ende der 1980er-Jahre von 40 Prozent auf 70 Prozent gestiegen …
Die Schere zwischen arm und reich wird größer, das ist leider so. Und dieses Problem lässt sich nicht einfach nur mit Geld lösen, sondern mit den gerade erwähnten Angeboten im direkten Umfeld. Und zwar nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Es hilft eben nicht, dass man auf einen Weiterbildungskurs verweist, der am Ende fünf Kilometer entfernt liegt. Solche passenden Angebote braucht es direkt vor Ort, sonst werden sie nicht angenommen.

Woran machen Sie das fest?
Nehmen wir die vergangenen Kommunalwahlen. In dem Stimmbezirk, in dem die höchste soziale Armut in Coerde herrscht, gab es auch eine sehr geringe Wahlbeteiligung (16,44 Prozent, Anm. der Red.). Was aber noch schlimmer ist: In genau diesem Stimmbezirk gab es einen äußerst hohen Anteil an AfD-Wähler*innen (8,43 Prozent, Anm. d. Red.). Dies ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass an dieser Stelle mehr Bildungs- und Beteiligungsangebote geschaffen werden müssen. Genau hier muss die Politik zeigen, dass sie etwas für die Menschen macht und diese Quartiere nicht meidet.

„Wenn es nichts bewirkt, muss ich doch überlegen, wie ich es anders und besser machen muss.“

Jochen Schweitzer

Meidet die Politik diese Bezirke aus Ihrer Sicht zu sehr?
Ich könnte das zumindest für einige Teile der Kommunalpolitik so bestätigen. Ohne das jetzt zu spezifizieren …

Formulieren wir es andersrum: Sie wünschen sich mehr Präsenz, mehr Einsatz der Politik vor Ort?
Sehr viel mehr und nicht nur vor Wahlen. Die für diesen Bezirk verantwortlichen Kommunalpolitiker*innen müssten sich ganz konkret in diesen Teilen von Coerde engagieren und sagen: „Wir unterstützen euch. Erzählt uns eure Geschichten und wir sehen, was wir für euch tun können.“ Es gibt zwar Angebote, aber was bringen sie bisher? Natürlich wird subjektiv niemand sagen, man sei hier völlig erfolglos. Aber die Zahlen, die von der Stadt erhoben werden, zeigen seit Jahrzehnten, dass es nicht besser geworden ist. Und deswegen muss man nach der Wirksamkeit der Maßnahmen fragen. Wenn es nichts bewirkt, muss ich doch überlegen, wie ich es anders und besser machen muss. Welche Forderungen und Konsequenzen ziehen die Beteiligten daraus?

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass es besser wird?
Es gibt sicher eine Hoffnung aufgrund des Stadtteilentwicklungskonzeptes. Wenn dieses tatsächlich realisiert werden würde, und zwar in vollem Umfang, dann denke ich schon, dass es besser werden könnte. Meine Befürchtung ist jedoch, dass das Stadtteilhaus, das hier mal errichtet werden soll, und andere Angebote aufgrund der angespannten Haushaltssituation der Stadt und auch des Landes auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben werden. Auch andere Angebote, die längst laufen sollten, gibt es bis heute nicht. Man muss zu den Menschen hin, Vertrauen gewinnen und nicht abwarten, bis jemand in die Beratungsstunde kommt. Außerdem werden von der Stadt offenbar andere finanzielle Prioritäten gesetzt, zum Beispiel für Großprojekte.

„Zur guten Nachbarschaft gehört auch, mehr über die Herkunftskultur und die Geschichte zu wissen, zum Beispiel, dass es in fast jeder Roma- oder Sintifamilie Vorfahren gibt, die im KZ waren und ermordet wurden.“

Jochen Schweitzer

Sie haben gesagt, die Politik sollte sich die Geschichten der Menschen hier erzählen lassen. Was würden diese denn konkret zu hören bekommen?
Warum es für die Menschen hier so schwierig ist, Anschluss zu finden. Warum sie sich isoliert fühlen. Warum sie das Gefühl haben, von Teilen der Nachbarschaft schief angeschaut zu werden und nicht den gleichen Respekt zu erfahren. Zur guten Nachbarschaft gehört auch, mehr über die Herkunftskultur und die Geschichte zu wissen, zum Beispiel dass es in fast jeder Roma- oder Sintifamilie Vorfahren gibt, die im KZ waren und ermordet wurden. Das prägt eine Kultur für viele Generationen. Und wie ging es Familien auf der Flucht und aus Kriegsgebieten, wie haben sie das verarbeitet? Es gibt den richtigen und wichtigen Satz, Armut ist ein Skandal, und einem Skandal kann man nur entgegentreten, indem man ihn sichtbar macht. Nur: In Münster – und in Coerde besonders – versuchen viele, diesen Skandal eher unsichtbar zu halten beziehungsweise zu ignorieren. Und dadurch ändert sich nichts. Wir als „Initiative“ machen uns nicht beliebt dadurch, dass wir das Thema Kinderarmut immer wieder in die Öffentlichkeit holen.

Und wie erleben Sie die Lebenssituation der Menschen hier in Coerde?
Wird Ihnen die Tür zu einer Sozialwohnung mal geöffnet, dann sehen sie etliche Kinder und die Mutter oft alleine. Ein Vater ist entweder nicht da, ist zur Arbeit oder macht irgendetwas anderes. Die Kinder haben kein eigenes Zimmer. Vielleicht läuft noch den ganzen Tag der Fernseher. Da stellt sich die Frage: Welche Entwicklungschancen haben diese Kinder überhaupt, wenn es keine Krippen, keine ausreichenden KiTa-Angebote gibt? Daher setzen wir uns ja dafür ein, dass diese Art der Unterstützung viel früher und kontinuierlicher an diese Kinder über Angebote herangetragen werden muss und man vertrauensbildende, regelmäßige Beziehungen zu den Familien aufbaut. Diese Kinder brauchen auch neben der KiTa eine besonders gute Förderung – sei es hinsichtlich der Bildung oder auch in Bereichen wie Gesundheit oder Bewegung.

Auch Letzteres ist ein Problem im Stadtteil …
Es gibt in Coerde den höchsten Anteil an übergewichtigen und adipösen Kindern. Bei der Zahngesundheit sieht es ähnlich aus. Was allerdings ausbleibt, ist ein entsprechender Aufschrei. Niemand fordert, dass viel mehr familiennahe Gesundheitsförderung für diese Kinder erfolgen muss. Was es stattdessen gibt, ist wieder mal die Aufregung über eine schlechte Nachricht aus Coerde, über eine Schlagzeile, die eher auf Abwehr stößt. Diese Abwehr ist größer als der Impuls, etwas dagegen zu unternehmen, die Lage zu verbessern. Ohne die nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation wird sich auch der „Ruf“ von Coerde nicht verbessern. Wir müssen uns in Coerde solidarisieren, wir müssen gemeinsam mehr für gleiche Chancen für alle Coerde Kinder unternehmen! Und zwar mit allen Eltern und allen Kindern!

  • In Coerde leben rund 11.000 Menschen
  • Der Ausländeranteil liegt bei etwa 28 Prozent, der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte insgesamt bei 53 Prozent – beides jeweils doppelt so hoch wie der Durchschnitt in Münster
  • Die Jugendquote beträgt rund 44 Prozent (Münsteraner Durchschnitt: 27,2 Prozent).
  • Die Zahl der Alleinerziehenden beträgt 30 Prozent (Durchschnitt: 18 Prozent)
  • Der Anteil der Empfänger von staatlichen Transferleistungen (SGB II) in Coerde beträgt knapp 21 Prozent.
  • Fast 43 Prozent aller Coerder Kinder unter 14 Jahren leben in Hartz-IV-Familien. Fast jedes zweite Kind in Coerde lebt in Armut.
  • Weit überdurchschnittlich viele Coerder Kinder in Armut erkranken an Übergewicht und Adipositas, an Zahnkrankheiten und Bewegungsmangel.

Von Oliver Brand

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