Foto: unsplash

Missbrauch im Bistum Münster:
Aufarbeitung geht voran

Die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Bistum Münster geht voran. Mehr als anderthalb Jahre nach Beginn der Untersuchungen hat die unabhängige Historikerkommission inzwischen Akten von 200 Beschuldigten ausgewertet.

Die Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster geht voran. Mehr als anderthalb Jahre nach Beginn der Untersuchungen hat die unabhängige Historikerkommission inzwischen Akten von 200 Beschuldigten ausgewertet und 60 Gespräche mit Betroffenen geführt. Mindestens 400 Menschen sollen seit 1945 demnach Opfer geworden sein, wie Kommissionsmitglied David Rüschenschmidt auf Anfrage bestätigt. Etwa 200 Priestern werden Missbrauchstaten vorgeworfen.

Seit September 2019 arbeitet das fünfköpfige Forschungsteam der Universität Münster unter Leitung von Thomas Großbölting und Klaus Große Krach den Missbrauchsskandal historisch auf. Die endgültigen Ergebnisse sollen im Frühjahr 2020 vorgestellt werden. Das Bistum Münster zeigt den Autoren zufolge dabei „eine hohe Kooperationsbereitschaft“. Aktuell begleitet das Bistum unter anderem einen Vorstoß von Betroffenen, die andere Betroffene dazu aufrufen, sich zusammenzuschließen. „Das Bistum ist hier außen vor und unterstützt die Betroffenen nur und in der Form, wie sie das möchten“, so Stephan Baumers von der Interventionsstelle des Bistums.

Stärkung der Eigenständigkeit

„Die Stärkung der Eigenständigkeit von Betroffenen auch zur gemeinsamen Vernetzung ist meines Erachtens das einzig Statthafte, was die Kirche tun kann“, sagt Rüschenschmidt. Zu lange habe die Kirche Betroffene einzeln mit Geldzahlungen abspeisen und den Zusammenschluss von Betroffenen nicht fördern wollen. „Potenziell schwierig“ sind aus seiner Sicht auch die kirchlich initiierten Betroffenenbeiräte, bei denen sich zum Beispiel Betroffene erst um eine Mitgliedschaft „bewerben“ müssen. „Da sehe ich die Gefahr, dass kirchliche Akteure, beispielsweise der jeweilige Bischof, weiterhin das Zepter in der Hand halten“, sagt der Historiker.

Der Studie zufolge hätten die jeweiligen Bistumsleitungen durchgehend seit 1945 von sexuellem Missbrauch durch Priester gewusst. „Insofern ist es ein Problem von langer Dauer“, sagt Rüschenschmidt, der gleichzeitig betont, dass von einer hohen Dunkelziffer auszugehen sei. Nach Modellen aus dem Bereich der Sozialwissenschaften käme man hochgerechnet „auf circa 3.000 Betroffene. Das wäre ungefähr das Siebenfache der Betroffenen, die wir bislang für den Zeitraum von 1945 bis 2020 haben nachweisen können“.

Gesamtgesellschaftliches Problem

Sexueller Missbrauch sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, aber bestimmte Faktoren machten ihn im Bereich der katholischen Kirche zu einem besonderen Phänomen, so Rüschenschmidt. Einerseits hätten Priester, Ordensleute oder Erzieher einen „umfassenden und unkontrollierten Zugriff auf Kinder und Jugendliche sowie zugleich das große Vertrauen der Eltern und Gemeinden“. Durch eine „vertrauensvolle, aber zugleich spirituelle Beziehungen zu Jugendlichen“ entstünden zudem Machtverhältnisse, die Missbrauch begünstigen können. Und auch der defizitäre Umgang nach Bekanntwerden von Missbrauchsfällen sei problematisch. Täter seien meistens lediglich versetzt worden. „Es wurde höchster Wert darauf gelegt, solche Fälle nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen“, so Rüschenschmidt.

„Wir sehen ein deutliches Führungs- und Kontrollversagen der Bistumsleitung, das sich nicht auf Einzelfälle begrenzt, sondern über Jahrzehnte zu beobachten ist“, hatte Studienleiter Thomas Großbölting bereits im Dezember mit Blick auf eine Häufung von Missbrauchsfällen in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren gesagt. Für diesen Zeitraum gebe es zahlreiche Belege, dass die jeweilige Bistumsleitung „Kenntnisse von sexuellem Missbrauch durch Priester hatte, diese sogar teilweise gerichtlich verurteilt waren“, so Rüschenschmidt.

Heute habe sich die Situation insofern geändert, als dass strikte und klare Vorgaben bestehen, wie in Fällen von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Priester zu verfahren ist. „Zumindest ein solches Führungs- und Kontrollversagen, wie wir es in der genannten Zeit haben feststellen können, halte ich deshalb heute für ausgeschlossen.“

Von Oliver Brand

Weitere Beiträge

Ein Home im Office

In deutschen Großstädten werden immer mehr leer stehende Bürogebäude in Wohnungen umgewandelt. Kann das Konzept dabei helfen, den schwierigen Wohnungsmarkt in Münster zu entspannen?

Mehr Erfahren