
Ein Leben mit Drogensucht: Guido Missberger erzählte am Dienstagabend seine Geschichte im Specops in Münster. Der Hannoveraner ist heute seit viereinhalb Jahren clean. Fotos: Lara Tecklenborg
Von Lara Tecklenborg
40 Jahre lang war Guido Missberger drogenabhängig. Am Dienstagabend hat der Hannoveraner in einem freien Vortrag im Specops in Münster erzählt, wie er es doch noch aus der Drogensucht herausschaffte. Heute hilft er mit seinen Erfahrungen anderen Betroffenen und klärt über die Drogenszene auf.
Seit viereinhalb Jahren clean
Missberger fuhr mit dem ICE von Hannover nach Münster. Während er von seiner Zugfahrt erzählt, hat er Tränen in den Augen. „Wie ich auf dem Sitz saß und mir unter blauem Himmel die Landschaft ansah“, sagte er. „Das war meine erste Fahrt im ICE, bei der ich nicht drauf war.“ Vor ein paar Jahren war das noch undenkbar. Heute ist er seit viereinhalb Jahren clean.
Das erste Mal konsumierte der heute 56-Jährige im Alter von elf Jahren. „Ich habe mit einem Freund die Dämpfe von Pattex und Fleckenreiniger aus einer Tüte inhaliert.“ Ihm gefiel der Rausch und die damit verbundene Rebellion. Kurze Zeit später tauschte Missberger die Schulbank gegen eine im Park aus, rauchte, trank Alkohol und kiffte. Mit 17 wurde er Mitglied der Hooliganszene und hatte damit Zugriff zu Drogen: Amphetamine, Kokain, Alkohol. Er probierte sie alle.
„Will ich leben oder sterben?“
Als sich dann seine Freundin von ihm trennte, fiel er in ein emotionales Loch. Er suchte die Betäubung. Ein Bekannter konsumierte Heroin. Das machte Missberger neugierig. Von da an nahm der Hannoveraner, was er bekommen konnte. „Ich wollte weg sein, nichts fühlen, nichts mitbekommen.“ Immer wieder versuchte er, clean zu werden. „Ich habe 70 Entgiftungen und fünf Therapien hinter mir“, sagte er. Immer wieder kämpfte er mit Rückfällen.
Bis zu seinem Wendepunkt: „2017 lag ich mit einer verschleppten Lungenentzündung zwei Monate im Koma“, erinnerte er sich. Damals wog der Hannoveraner 60 Kilogramm, zwei Drittel seines heutigen Gewichts. „Ich wusste, das war es jetzt. Ich kann so nicht mehr weitermachen.“ Die meisten seiner Freunde aus der Drogenszene waren bereits verstorben. „Ich musste mich entscheiden: Will ich leben oder sterben?“ Missberger hatte seine Entscheidung getroffen und ging erneut in Therapie – Dieses Mal, weil er es selbst wollte.
Eine neue Chance
Der Hannoveraner setzte sich mit seinen Kindheitstraumata auseinander, baute sich ein neues, kleines Leben auf, fernab von Drogen. „Ich bin jeden Tag dankbar für diese Chance.“ Eigentlich hätte er längst tot sein müssen, sagt er. Heute macht Missberger in Hannover Stadtführungen, klärt über die Drogenszene und Obdachlosigkeit auf und macht anderen Betroffenen Mut.



