Strassenpoesie

Mit Straßenpoesie auf der Himmelsleiter

Zum Bundestag der Wohnungslosenhilfe lag der Fokus im Treff am Turm in der Überwasserkirche am Nachmittag auf Straßenpoesie. Fotos: Harhues

Von Maike Harhues

Gelebte Gastfreundschaft, echtes Gesehenwerden, auch wer mit der katholischen Religion nichts am Hut hat, Meinungsvielfalt, angeregte Gespräche und richtig gute Musik – dass Kirche auch ganz anders sein kann, offen und zum Wohlfühlen und Mitmachen, merkt der Besucher beim „Treff im Turm“ der Überwasserkirche des Emmanuel House sofort, nicht umsonst ein modernes Kirchen-StartUp in den sonst oft als antiquiert wahrgenommenen Strukturen. Und am Donnerstag zum Bundestag der Wohnungslosenhilfe lag der Fokus am Nachmittag auf Straßenpoesie: Eindringlich, berührend, mal extientiell und auch mal zum Schmunzeln trafen Dichtung und selbstkomponierte und -getextete Songs dann doch immer mitten ins Herz: „Was ist der Mensch?“, rezitierte Schwester Klara Maria Breuer aus einem Gedicht von Gregor Müller, oft Gast im Treff an der Clemenskirche. „Mal bin ich der Geck und Spaßmacher, mal der Tröster und Kämpfer, mal Dieb und ein Betrüger, manchmal ein kleiner Poet und ein Dichter. Nur hell oder trüb? Ist der Mensch nur gut oder böse? Hat er nur helle oder dunkle Seiten? Das soll jeder in der Seele für sich selbst entscheiden. Wie viele Facetten hat der Diamant? Wie viele Facetten hat der Mensch?“

Facettenreiches Leben

Und wie viele Facettten hat das Leben auf der Straße in der Stadt Münster? „Menschen in sozialen Notlagen verfalllen selten in Lethargie“, betonte Matthias Eichbauer. Jede Person gehe anders mit ihren Baustellen um. Eine Strategie, um mit ungewöhnlichen  Lasten umzugehen, sei die Poesie, so der Streetworker, der den Nachmittag für die zahlreichen Besucher moderierte. Und der auch selbst Gedichte schreibt, seinen Alltag als Sozialarbeiter in der Westfalenmetropole verarbeitet: „Kalle hört nicht auf zu saufen, meistens kann er dann nicht laufen. Irgendwann gehen Augen auf, doch der Albtraum hört nicht auf. Was machen wir? Wir machen weiter. Wir haben eine Himmelsleiter“, las Schwester Klara Maria. Und weiter im Eichbauer-Gedicht wird es politisch: „Münster für alle, nicht nur für Reiche, Münster für Harte und für Weiche, Münster für viele und für Gleiche. Uns geht es allen um das Gleiche. Immer hoch und immer weiter auf der Himmelsleiter.“

Ruhe und Besinnung

Als eine Brücke zu Spiritualität und zum Glaube einfach aus dem Kaffee-Plauder-Treff im Turm in die Überwasserkirche gehen. „Hier ist der Weg zu einem tiefen Gespräch, ob über persönliche Nöte oder den Glauben, sehr kurz“, erklärte Pfarrer Martin Sinnhuber. Einfach ein paar Schritte aus dem Turm ins Kirchenfoyer zu Ruhe und Besinnung und einer besonderen Gesprächslocation. Jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 14.30 Uhr lädt das Emmanuel House Münster zum Treff im Turm zu Kaffee und gespendetem Kuchen, gemeinsamen Singen und Plaudern: „Es kommen Interessierte, Bedürftige und auch viele Touristen, die bunte Mischung ist sehr spannend, soziale und poilitsiche Themen, die Liebe zu und auch den Groll auf Gott, alles ist erlaubt“, beschreibt Sinnhuber das Konzept. Und ja, manchmal fühlt er sich in seiner Arbeit, in der es beim Treff im Turm auch viel um praktische Lebensprobleme der Bedürftigen geht, als Sozialarbeiter. Der aber immer auch den Weg zu Gott als Hilfe anbieten möchte.

Sozialabbau an vielen Fronten Und auch beim Straßenpoesie-Nachmittag ging es am Ende noch mal um die sehr konkreten Probleme sozial benachteiligter Menschen: „Mir bleibt auch ab und zu die Spucke weg angesichts überteuerter Mieten, sozialem Wohnungsbau, der fast nicht mehr stattfindet, schimmeligen Wohnungen, die monatelang nicht saniert werden und leerstehenden Britenhäuser. Dazu kommt Sozialabbau an vielen Fronten sowie fehlende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter“, las Roman Sudeck aus seiner Kolumne, die in der Oktober-Ausgabe des Straßenmagazins draußen! erscheint. „Demotivation auf ganzer Linie. Und die Motivierten werden – na? – genau, ausgebremst. Dann geht das Gepäpe los – fehlende Gelder, Doppelhaushalt, Ratsentscheidungen, die niemand versteht! Zankäpfel zwischen den verschiedenen Fraktionen, ja, das Kreuz mit den Kreuzen“, so Sudeck.

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